Siegburger Steinzeug (Siegburg bei Köln, SMa/FNz)
Terminologie
Alternative Bezeichnungen: Siegburger Ware, rheinisches Fast-Steinzeug (Frühphase)
Die Bezeichnung Steinzeug Siegburger Art zahlt der Tatsache Rechnung, dass entsprechende Keramik beispielsweise auch inThüringen und Sachsen produziert wurde, so z.B. in Waldenburg (Schäfer 1993).
Forschungsgeschichte
Für die archäologische Forschungsgeschichte sind die Ausgrabungen an der Siegburger Aulgasse bedeutend. Hier ist seit dem 14. Jahrhundert aus schriftlichen Quellen Töpferei nachgewiesen. (Beckmann 1975).
Charakteristika
Scherben: Extrem hart, klingend und vollständig gesintert (Bruchfläche glatt bis muschelig). Scherbenfarbe (Kern): Im frischen Bruch hellgelb, weißlich oder hellgrau. Oberflächenfarbe: Flächig braun, kastanienbraun oder gelbrotiert. Magerung: Sehr feine Quarzsande, makroskopisch kaum sichtbar, extrem homogen.
Herstellungstechnik
Formung: Auf der schnellrotierenden Töpferscheibe gedreht. Boden als Wellenfuß (Variante a) oder glatt abgeschnitten (Variante b).
Brennprozess: Oxidierender Brand im liegenden Ofen bei über 1200 °C.
Oberflächenbehandlung: Grundsätzlich unglasiert, aber fast flächendeckende, glänzende rötlich-braune, braungelb bis kräftigbraune Anflugglasur („Flammung“).
Formenspektrum
Fokus fast ausschließlich auf Hohlformen für den ländlichen und städtischen Tisch: Trank- und Schenkgeschirr: Trichterhalsbecher (Massenware), Jakobskannen, bauchige Pullen und Kannen.
Teller/Schüsseln sind in dieser Warenart gänzlich unbekannt.
Jacba-Kanne Siegburger Steinzeug, 15. Jh., Höhe: 27,5 cm Landesmuseum Württemberg Inv. GG 1163 (Foto: Landesmuseum Württemberg, Dirk Kittelberger (CC BY-SA via https://www.landesmuseum-stuttgart.de/sammlung/sammlung-online/dk-details?dk_object_id=38177)
Heidelberg, Kornmarkt: Siegburger Steinzeug, BLM Karlsruhe 2005/1105; 2005/1335 (Foto: Thomas Goldschmidt / Badisches Landesmuseum Karlsruhe, gemeinfrei (CC 0.10) via Badisches Landesmuseum digitaler Katalog)
Chronologie
Frühphase (ca. 1200–1280): Protosteinzeug. Durch unvollständige Reinigung des Tons und wechselnde Ofenatmosphären von Natur aus unregelmäßig braune, gelb-rötliche und rau-körnige Scherben.
Mittelalterliche Hauptphase (14.–15. Jh.): Echtes, klingend hart gesintertes Massen-Steinzeug. Der Scherben ist im Kern grau bis braungrau, die Oberfläche zeigt sich matt beige, erdgrau oder großflächig dunkelbraun geflammt.
Frühneuzeitliche Prunkphase (ab ca. 1550): Technologische Umstellung auf extrem kontrollierte, oxidierende Ofenführungen (unter anderem Verwendung von Kapseln/Schreinen zum Schutz der Gefäße). Dadurch bleibt der Scherben auch an der Oberfläche vollkommen rein, sodass die aufwendigen Renaissance-Gefäße elfenbein- bis porzellanweiß ausbrennen.
Kulturgeschichtliche Einordnung und sozialer Kontext
Heiko Schäfer (1993) unterscheidet bei Siegburger Steinzeug zwischen der rheinischen Variante a und der sächsischen Variante b, wobei beide durch weiße Scherben und gleiche Formen verbunden sind, sich jedoch in der Standvorrichtung unterscheiden. Während Variante a einen von Hand geformten Wellenfuß aufweist, ist Variante b durch eine gekniffelte Standplatte mit Abziehdrahtspuren charakterisiert.
Verbreitung
Verbreitungskarte bei Keller 2022, Abb. 2 nach den Fundlisten bei *Gross 1991; Heege 2009, Liste 1; Heege 2016, S. 319 Anm. 2577; Holl 1990, S. 209–267; Kaltenberger 2003, S. 82; *Keller 2019:; *Scharrer-Liška 2006; Terzer 2005, S. 26
Literaturhinweise
- Beckmann 1975, B. Beckmann, Der Scherbenhügel in der Siegburger Aulgasse. Rheinische Ausgr. 16, 1975 (Bonn 1975).
- Gmelin 1974, H. G. Gmelin, Spätgotische Tafelmalerei in Niedersachsen und Bremen (München u. Berlin 1974).
- Gross 1991: U. Gross, Mittelalterliche Keramik zwischen Neckarmündung und Schwäbischer Alb. Bemerkungen zur räumlichen Entwicklung und zeitlichen Gliederung. Forsch. u. Ber. Arch. Mittelalter Bad.-Württ. 12 (Stuttgart 1991).
- Hähnel 1987, El. Hähnel (Bearb.), Siegburger Steinzeug. Bestandskatalog Rhein. Landesmus. Volkskunde Kommern. Führer u. Schriften Rhein. Freilicht-Landesmus. Volkskunde Kommern 31 (Köln 1987).
- Hähnel 1992, El.Hähnel (Bearb.), Siegburger Steinzeug. Bestandskatalog Rhein. Landesmus. Volkskunde Kommern. Führer u. Schriften Rhein. Freilicht-Landesmus. Volkskunde Kommern 38 (Köln 1992).
- Heege 2009: A. Heege, Steinzeug in der Schweiz (14.–20. Jh.) (Bern 2009).
- Heege 2016: A. Heege, Die Ausgrabungen auf dem Kirchhügel von Bendern, Gemeinde Gamprin, Fürstentum Liechtenstein. Bd. 2: Geschirrkeramik 12. bis 20. Jahrhundert (Vaduz 2016).
- Holl 1990:I. Holl, Ausländische Keramikfunde in Ungarn (14–15. JH.). Acta Archaeologica Academiae Scientiarum Hungaricae 42, 1990, S. 209–267.
- Kaltenberger 2003: A. Kaltenberger, Mittelalterliche bis frühneuzeitliche Keramik aus Mautern an der Donau. Ergänzungsheft zu Jahreshefte des Österreichischen Archäologischen Instituts Wien 4 (Wien 2003).
- Keller 2019: Ch. Keller, Handelsgut oder Souvenir – Siegburger Steinzeug in Süddeutschland und den Alpenländern im 15. und 16. Jahrhundert. Archäologisches Korrespondenzblatt 49/4, 2019, S. 593–614.
- Keller 2022: Ch. Keller,Steinburger Steinzeug als Handelsgut?. in: C. Wenzel (Red.), Keramik im häuslichen und repräsentativen Gebrauch. 52. Internationales Keramiksymposium in Bad Muskau vom 16. bis zum 20. September 2019. Muskauer Schriften 9 (Bad Muskau 2022) 201-212 (ISBN 978-3-9819414-3-2)
- Reineking von Bock 1971 A. Gisela Reineking von Bock, Steinzeug. Kataloge Kunstgewerbemuseum Köln 4, 1971 (Köln 1971).
- Schäfer 1993: H. Schäfer, "Siegburger Steinzeug" des 14. bis 16. Jahrhunderts aus Sachsen Mitteilungen der AG für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit 2-3, 1993, 16-17. doi
- Scharrer-Liška 2006: G. Scharrer-Liška, Mittelalterliche und neuzeitliche Steinzeugfunde aus Österreich – ein Überblick. In: R. Mennicken (Hrsg.), Keramik zwischen Rhein und Maas. Beiträge zum 38. Internationalen Hafnereisymposium Museum Raeren 2005 (Raeren 2006), S. 152–158
- Seewaldt 1990, P. Seewaldt, Rheinisches Steinzeug. Bestandskatalog des Rheinischen Landesmuseums Trier. Schriftenreihe Rhein. Landesmus. Trier 3 (Trier 1990).
- Siegburger Töpferwerkstatt 1991, Andrea Korte-Böger u. Gisela Hellenkemper Salies (Red.), Eine Siegburger Töpferwerkstatt der Familie Knütgen. Neue archäologische und historische Forschungen zur Unteren Aulgasse. Kunst u. Altertum am Rhein 133, 1991 (Köln, Bonn 1991).
- Terzer 2005: Ch. Terzer, Stadtkerngrabung in Bozen. Ein Keramikkomplex des 13. bis 16. Jahrhunderts aus der Laubengasse. Nearchos 13 (Innsbruck 2003,).